ADAC Anhängersicherheitstraining: Keine Panik bei Schleudern und Vollbremsung!

Von Doris Jessen, geschrieben am 5. September 2019

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Schleudertraining auf Wasser.

Wer seit vielen Jahren regelmäßig mit einem Pferdeanhänger unterwegs ist und noch nie einen Unfall hatte, glaubt eigentlich, kein spezielles Sicherheitstraining für das Anhängerfahren zu benötigen. Was für ein Irrtum… Das ADAC Anhängersicherheitstraining lohnt auf jeden Fall, weil anschließend so manche riskante Sitatuation besser einzuschätzen und zu beherrschen ist.

Im ADAC Fahrsicherheitszentrum Lüneburg bei Hamburg finden regelmäßig Trainingstage zu diversen Themen statt – so auch für das Anhängersicherheitstraining mit Pferdeanhängern. In einer einführenden Gesprächsrunde kann jeder Teilnehmer seine besonderen Schwierigkeiten nennen – in den meisten Fällen ist dies das Rückwärtsrangieren. Auch Brems- und Ausweichmanöver sind gefürchtet, bei denen das Fahrzeug ins Schlingern geraten könnte.

Alle diese und noch einige weitere Herausforderungen werden dann nun im praktischen Training erprobt und geübt, um im Ernstfall richtig reagieren zu können. Im Einzelnen stehen folgende Ausbildungsziele auf dem Programm:

  • Theorie: Fahrphysik, speziell Schlingergefahr
  • Richtige Sitzposition und Spiegeleinstellung
  • Slalom fahren
  • Gefahrenbremsung auf rauen und glatten Flächen
  • Ausweichen vor plötzlich auftretenden Hindernissen
  • Enge Kurven auf rauen und glatten Flächen
  • Anfahren und Bremsen auf unbefestigtem Untergrund im Offroad-Gelände
  • Vorwärts- und Rückwärtsrangieren
  • Kurzes Verladetraining mit einer Trainerin B Westernreiten und ihrem Pferd

Dazu steht ein Trainer für mehr als acht Stunden geduldig zur Seite, beobachtet die Teilnehmer beim Fahren und beantwortet Fragen. Alle erhalten einen Funkempfänger für ihr Auto, damit sie die Anweisungen und Korrekturen verstehen können.

Der korrekte Sitz

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Falscher Sitz: Durchgestreckte Arme

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So ist es richtig!

Wie beim Reiten sind auch im Auto die Sitzpositionen und Spiegeleinstellungen bei den meisten Fahrern zu verbessern: Sie sitzen nicht aufrecht genug, zu weit nach hinten geneigt und in den Spiegeln zeigt sich mehr vom Himmel als die eigentlich wichtige Straße. Die Teilnehmer lernen, dass die Arme und Beine auch bei voll durchgetretener Bremse und Kupplung nie in eine gestreckte Position kommen dürfen, weil dann (Bruch-) Verletzungsgefahren am höchsten sind. Auch sollen sich Hände in der „viertel vor 3-Position“ am Lenkrad befinden (manch einer wird sich an seine Fahrschulzeit erinnern…). Die Daumen müssen immer nach oben zeigen, d.h. nicht ins Lenkrad greifen. Bei engeren Kurven soll die „Kurvenaußenhand“, also bei Linkskurven die rechte Hand, immer nach oben rutschen sich am Lenkrad abstützen, so dass auch moderater Druck auf die gleiche Schulter entsteht. Auf diese Weise  sitzt der Fahrer sicher in seiner Position und kann das Fahrzug auch bei höheren  Fliehkräften noch gut in der Spur halten.

Slalom zum Angewöhnen

Die ersten Fahrübungen finden in einem Slalomkurs statt, in dem die Teilnehmer zunächst eine Kurve nach links und wieder zurück um einen Pylonen fahren sollen. Die Schwierigkeit: Mindestens 50 Kilometer pro Stunde. Kaum einer traut sich das beim ersten Mal zu, so manches Verkehrshütchen fliegt aus der Bahn. Hier ist sehr schnell zu erkennen, dass es zwar leicht ist, einem Hindernis zunächst auszuweichen, das anschließende Zurücklenken auf die alte Spur aber durchaus tückisch ist: Volle Konzentration zunächst auf das Hindernis, dann aber sofort auf die Spur ist hier gefragt. In vielen Fällen wird dabei auch die korrekte Lenkradhandhaltung wieder vergessen, aber von dem Trainer sofort korrigiert. Überraschend ist sicherlich für viele, dass sich das Fahrverhalten des Zugfahrzeuges in den Kurven mit Anhänger nicht von einem normalen PKW unterscheidet und das Gespann immer korrekt in der Spur bleibt. Immerhin eine beruhigende Erkenntnis…

Vollbremsung auf verschiedenen Straßenbelägen

Vor dem nächsten Praxisschritt gibt es wieder ein wenig Theorie zur Vorbereitung: Wie lange ist der Bremsweg eines PKW bei 50 km/h? Ändert sich die Strecke mit dem Anhänger? Wird sie mehr oder weniger? Diese Länge sollen die Teilnehmer anhand der vorgegebenen Strecke einschätzen und ab der Markierung, wo das Bremsmanöver beginnen soll, bis zum gefühlten Haltepunkt gehen. Alle schätzen den Bremsweg zu lang ein – auf bis zur Hälfte der Geschwindigkeit. Aber man wird eines besseren belehrt: Der Bremsweg in Metern beträgt rund ein Viertel der gefahrenen Geschwindigkeit, also bei 50 km/h nur 12,5 m.

Die mathematische Formel : (50/10) 2 : 2 =  12,5 m

Kaum einen Einfluss hat das Gewicht des Fahrzeuges oder die Tatsache, dass ein Anhänger gezogen wird – im Gegenteil: Je höher das Gewicht und damit die Reibung auf der Straße, desto kürzer wird der Weg im Idealfall – korrekte Bremsen und Reifen vorausgesetzt.
Trotz dieser theoretischen Kenntnisse, dass wohl kein Fahrzeug über die Bahn hinausschießen würde, sind die Teilnehmer bei der Gefahrenbremsung anfangs vorsichtig. Da alle Fahrzeuge mit ABS ausgestattet sind, sollen das Brems- und Kupplungspedal (bei Fahrzeugen ohne Automatik) voll durchgetreten werden. Aus 50 bis 60 km/h voll „in die Eisen“? Mit Anhänger dran? Keiner wagt sich beim ersten Mal an das Manöver, erst beim zweiten oder dritten Anlauf klappt es zunächst auf der „normalen“ Fahrbahn, später auch auf der glatteren. Dort wird der Bremsweg natürlich etwas länger.
Während bei den Zugfahrzeugen das ABS zum Einsatz kommt, blockieren die Räder der Anhänger komplett. Allerdings gerät auch bei diesem Manöver kein Gespann ins Schlingern, alle Anhänger bleiben gerade in der Spur.

Achtung Hindernis!

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Ausweichen vor einem Hindernis – glücklicherweise nur Wasser!

Die vorletzte Übung vor der Mittagspause betrifft das Ausweichen vor einem plötzlich auftretenden Hindernis, das auf dem ADAC-Trainingsgelände durch eine aufspritzende Wasserfontäne simuliert wird. Hier erklärt der Trainer: Wenn ein Hindernis auftaucht, sofort bremsen und versuchen das Gespann zum Stehen zu bekommen. Erst wenn der Bremsweg nicht reicht, Bremse lösen und ruhig am Hindernis vorbei lenken. Beide Manöver werden geübt. Auch hier bedarf es anfangs wieder etwas Mut, zunächst auf circa 40 bis 50 km/h zu beschleunigen und tatsächlich erst bei der Wasserfontäne zu bremsen – die meisten tun dies sicherheitshalber schon vorher. Auch das Bremsen, lösen und Lenken ist ungewohnt, weil man dies natürlich nie im laufenden Straßenverkehr trainiert hat. Und schon gar nicht mit Pferden im Anhänger…
Gerade mit Pferden ist auch das Schleuderrisiko größer, weil sich die Tiere bei einem Ausweichmanöver selbst auch auszubalancieren versuchen und daher mit ihrem relativ hohen Schwerpunkt das Fahrzeug durchaus ins Schlingern bringen können. Da hier alle Anhänger leer sind, ist diese Situation auch nicht zu simulieren. Bleibt als Fazit: Gerade mit Pferden im Zweifel voll bremsen, auch wenn das sicherlich vordergründig mit einer Prellung an der Brust enden kann. Ein ungebremster Aufprall hat einen wesentlich höheren Schaden für Ross und Reiter.

Kurze Rangierübungen

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Rückwärtsrangier-Übungen

Da die meisten Teilnehmer geradezu eine Einparkphobie zu haben scheinen, sind alle auf die Rangierübungen kurz vor der Mittagspause gespannt. Zunächst sollen die Teilnehmer einfach geradeaus rückwärts fahren. Dafür ist die gerade Lenkradstellung zu beachten. Am besten sucht man sich dann einen  Punkt vor dem Fahrzeug – zum Beispiel einen Baum – konzentriert sich darauf und fährt sehr langsam mit regelmäßigem Blick in die Rückspiegel zurück. Je langsamer die Fahrt, desto einfacher natürlich die Korrektur, die nur geringster Lenkausschläge bedarf. Gerät der Anhänger aber zum Beispiel nach links aus der Spur, sollen ein wenig entgegen, das heißt ebenfalls nach links, gelenkt werden.
Für die Einparkübung wird eine breite und eine schmale Gasse aus Pylonen aufgebaut, in welche die Teilnehmer rückwärts links einfädeln müssen. Jetzt wird es etwas komplizierter, weil man den Anhänger nun zunächst nach links wenden und dafür das Lenkrad rechts einschlagen muss. Sobald das Gespann die korrekte Richtung eingeschlagen hat, heißt es: Mit dem Lenkrad dem Anhänger folgen, damit er nicht zu weit nach links schwenkt und die Zugdeichsel nicht in einen  zu geringen Winkel zur PKW-Stoßstange gerät. Passiert dies, bleibt nur die Korrektur nach vorne und das ganze Manöver neu zu beginnen.
Grundsätzlich muss das Einparken im öffentlichen Verkehr mit einer Hilfsperson erfolgen. Diese kann natürlich auch genaue Tipps geben, wie weit der Fahrer noch seitwärts oder zurück fahren kann.
Obwohl die Teilnehmer hier gute Anregungen zum Rangieren erhalten, bleibt als Schlussfolgerung: Erfolgreich lernen kann man das mit zwei oder drei Versuchen nicht. Hier gilt: Übung macht den Meister. Die Empfehlung lautet daher, dies zum Beispiel an einem Sonntag auf einem großen Supermarkt-Parkplatz zu trainieren oder auf dem heimatlichen Stallgelände auf einer Koppel, soweit der Stallbetreiber dies erlaubt.

Natürlich gibt es mittlerweile auch Zugfahrzeug-Modelle, die das lästige Rückwärtseinparken mit dem „Trailer Assist“ ganz einfach machen.
Mehr dazu hier.

Nur nicht ins Schleudern kommen!

Der Nachmittag beginnt auf der „Endloskurve“: Dabei handelt es sich um eine Kreisbahn mit circa 80 Metern Durchmesser, die auf der inneren Spur mit normalem Straßenbelag, auf der äußeren Spur mit etwas glatterem Belag ausgerüstet ist, der zudem noch mit Wasser übersprüht wird. Hier sollen wir zunächst langsam, später aber durchaus „beherzt“ mit etwa 50 km/h in die Kurve gehen, um – im wahrsten Sinne des Wortes  zu erfahren, ab wann das Zugfahrzeug, der Anhänger oder das gesamte Gespann ins Schleudern gerät und wie es durch kurzzeitiges starkes Bremsen wieder zu beruhigen ist.

Jetzt wird’s ruppig: Offroad-Übungen

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Keine Angst vor einer Vollbremsung!

Gerade Reiter haben auf Turnierparkplätzen oder bei Fahrten ins Ausreitgelände oft mit Wiesen- oder Schotterböden zu kämpfen, Wege sind oft unübersichtlich und eng. Auch hier gilt es aber, im Notfall sicher zu bremsen und einzuparken. Zum Üben geht es jetzt in das Offroad-Gelände, wo die Teilnehmer zunächst durch relativ enge Gassen fahren müssen, bevor wir auf einer kurzen Sandpiste aus 30 bis 40 km/h nach einer Vollbremsung in einer riesigen Staubwolke zum Stehen kommen. Nach den vorherigen Übungen macht dies keinem Schwierigkeiten – im Gegenteil: Staubwolken machen Spaß…

Verladeübung mit dem Pferd

Als Abschluss der praktischen Übungen demonstriert Sabine Justiz-Reyna, Trainerin B im Westernreiten, das Verladen von Pferden. Zunächst wird der mitgebrachte Quarter Horse Wallach ausgeladen. Dabei ist die Reihenfolge streng zu beachten: Als erstes wird das Pferd innen losgebunden, dann erst die Heckklappe geöffnet. Ist man zu zweit, steht eine Person innen beim Pferd und hält es am Strick, während die andere hinten die Rampe und anschließend die Heckstange öffnet. Auf diese Weise kann vermieden werden, dass das Pferd sich noch angebunden nach hinten wirft und dabei verletzt. Dann lenkt die Person das Pferd mit dem Kopf etwas nach außen zur Transportwand hin, um die Kruppe nach innen, das heißt zur Rampenmitte, zu positionieren. „Damit vermeide ich das Risiko des seitlichen Abrutschens“, erklärt Sabine Justiz.
Für das nachfolgende Einladen trägt das mitgebrachte Quarter Horse sein Halfter und einen langen Strick, die Trainerin selbst Handschuhe und eine Longiergerte. Sie positioniert das Pferd gerade vor dem Anhänger und wedelt hinter dem Pferd ein wenig mit dem langen Schlag der Longiergerte, um das Tier nach vorne zu schicken. Gehorsam läuft der Fuchs in sein Fach und bleibt dort stehen, so dass sie jetzt auch allein in Ruhe die Heckstange und die Rampe schließen kann. Erst dann geht sie nach vorne, um das Pferd innen anzubinden.
Was hier ganz einfach aussieht und (vielleicht) so manchen Teilnehmer des Kurses erstaunt, ist oft das Ergebnis langer Übungen – je nach Temperament und Kooperationsbereitschaft des Pferdes. Grundsätzlich ist es aber eine sehr gute und einfache Methode, sein Pferd auch einmal allein verladen zu können. Denn nicht immer stehen morgens um fünf vor dem Turnier Hilfswillige zur Verfügung.

Noch ein wenig Theorie

Nach der Praxis gibt es noch einmal eine Abschlussbesprechung mit ein wenig Theorie. So betont der Trainer noch einmal, dass bei Geschwindigkeiten bis 70 km/h die Vollbremsung geradeaus dem Ausweichen vorzuziehen sei. Bei höheren Geschwindigkeiten solle der Fahrer zunächst bremsen und anschließend ausweichen.
Ins Schlingern kommen Anhänger vor allem dann, wenn die Stützlast zu gering ist, was aber bei beladenen Pferdeanhängern kaum der Fall ist. Sollte das Fahrzeug dennoch ins Trudeln kommen, ist auch hier das Bremsen die sicherste Reaktion.
Auf jeden Fall sind die Anhängerreifen regelmäßig zu kontrollieren, weil sie gerade unter der geringen Bewegung leiden und feine Haarrisse bekommen können. Auf jeden Fall sollten sie nach sechs Jahren gewechselt werden, was für die 100 km/h-Erlaubnis ohnehin Pflicht ist.

Was hat’s gebracht?

Am Ende des Tages kamen wohl alle Teilnehmer zu dem Schluss, dass sich das Fahrsicherheitstraining auf jeden Fall lohnt. Es vermittelt gerade für Notsituationen – in die hoffentlich keiner jemals kommen wird – eine gewisse Sicherheit und vor allem das gute Bewusstsein, dass das Gespann auch bei abrupten Brems- und Ausweichmanövern sogar auf glatten Straßen gut in der Spur bleibt. Und dass es, wenn es einmal ausbricht, durch gezieltes Bremsen doch relativ schnell wieder „gerade gerichtet“ werden kann.

Weitere Informationen:

ADAC Fahrsicherheitszentrum Lüneburg
ADAC-Str. 1
21409 Embsen
Tel. 04234/907-0
eMail: fsz@hsa.adac.de
http://www.fsz-lueneburg.de

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