Das richtige Zugfahrzeug: Eine gewisse Größe muss sein

Von Doris Jessen, geschrieben am 26.03.2018

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Tiguan_Gespann.jpgWas muss ein solides Auto „können“, um sicher einen Zweipferdeanhänger zu ziehen und möglichst auch typisches Reiter- oder sogar Turniergepäck zu transportieren? www.mit-Pferden-reisen.de beschreibt die wichtigsten Anforderungen an ein typisches „Reiterauto“. 

Auch wenn wir als Reiter gerne nach den großen "Schlitten" schielen, setzt die nüchterne Realität des oftmals beschränkten Budgets der Umsetzung dieses Wunsches doch ganz klare Grenzen. Abgesehen vom Geldbeutel ist ja auch Umweltbewusstsein Trumpf, daher ist es sinnvoll, nicht an 365 Tagen im Jahr eine zweieinhalb Tonnen schwere Karosse bewegen, deren Größe man im Grunde nur zehnmal braucht. Kurz und gut: Es gibt zahlreiche gute Gründe für ein „vernünftiges Auto“ als Pferdeanhänger-Zugfahrzeug. Dennoch muss es aber gewisse Leistungsmerkmale aufweisen, sonst wird der Transport unseres kostbaren Gutes unpraktisch und – was noch schlimmer ist – gefährlich.

Die Last mit der Last

Egal, ob Vielfahrer oder Gelegenheitsreisender: Wir brauchen eine ausreichende Anhängelast. Da wir in den meisten Fällen mit einem Zweipferdeanhänger und Tieren mit mindestens 500 kg Lebendgewicht unterwegs sind, benötigen wir einen Anhänger mit mindestens 1.100 bis 1.200 Kilogramm Nutzlast und damit wenigstens zwei Tonnen Gesamtgewicht. Dementsprechend muss auch der Wagen diese Anhängelast als Untergrenze aufweisen.

Um eine Anhängelast für ein Fahrzeug eintragen zu lassen, verlangt der Gesetzgeber als Mindestvoraussetzung, dass es mit der erlaubten Last dreimal auf einer Steigung von 12 Prozent anfahren kann. „Wer nur gelegentlich einmal einen Pferdeanhänger im Flachland zieht und nicht auf matschigen Wegen oder Wiesen womöglich bergauf fahren muss, kommt mit der angegebenen Anhängelast aus. Wer viel mit seinen Pferden unterwegs ist, dem rate ich zu einem Zugfahrzeug mit möglichst viel Eigengewicht und hoher Anhängelast, weil dies vor allem in Extremsituationen sicherer ist, als die Zuglast aufs letzte Kilo auszureizen“, erklärt Hubert Paulus vom ADAC Technikzentrum in Landsberg am Lech.

Lassen Sie sich hier nicht von niedrigen Gewichtsangaben mancher Anhängerhersteller täuschen: Auch wenn manche Pferdeanhänger in ihren Papieren Gewichte unter 800 kg ausgewiesen haben, sollte man dies kritisch überprüfen und im Zweifel auf eine Waage fahren. Oft ist dort nur das Leergewicht, also ohne Zubehör wie Boxengestänge, Gummimatte und Sattelkammer, angegeben, was aber natürlich nicht der Realität entspricht. 

Das Kriterium Anhängelast engt die Auswahl an Fahrzeugen schon ein. Wer es genau wissen möchte, wird hier fündig, dort haben wir eine Liste aller Fahrzeuge mit Anhängelasten bis 1800, 2000 und mehr Kilogramm Anhängelast veröffentlicht. Ein weiteres Kriterium der Zugmaschine ist die Stützlast, die wenigstens 75 Kilogramm betragen sollte.

Leistung ist nicht alles: Das Drehmoment macht’s

Wer jemals in einem alten Mercedes mit 78 PS auch nur ein Pferd über die Kassler Berge transportiert hat, weiß: Das macht keinen Spaß. Dazu kommt, dass eine zu zähe Beschleunigung in prekären Situationen auch gefährlich werden kann. Insofern ist eine ordentliche Motorisierung unverzichtbar, damit man bei starkem Verkehr zügig auf die Autobahn kommt oder auf Landstraßen auch einmal einen Traktor überholen kann. „Allerdings kommt es nicht nur auf die PS- oder Kilowatt-Zahl an, sondern darauf, dass die Leistung auch in Form eines hohen Drehmoments – das ist vereinfacht ausgedrückt die Durchzugskraft gemessen in Newton-Meter(Nm) – schon im unteren Drehbereich zur Verfügung steht. Dies ist in aller erster Linie bei Dieselmaschinen der Fall, die sich für den Zugbetrieb daher deutlich besser eignen als ein Wagen mit Benzinmotor. Letztere verfügen nur mit sehr hohen PS-Zahlen über die entsprechenden Drehmomente und benötigen viel Kraftstoff“, erklärt Hubert Paulus vom ADAC Technikzentrum in Landsberg am Lech und empfiehlt für komfortables und sicheres Ziehen Fahrzeuge mit Leistungen ab 130 PS, die bei niedrigen Drehzahlen zwischen 1.500 bis 1.800 Umdrehungen ein hohes Drehmoment ab 300 Nm aufweisen. 

Hinzu kommt, dass Dieselmotor-getriebene Fahrzeuge auch bei hohen Kilometerleistungen günstiger sind als ihre „Benzin-Brüder“. Für die Kostenberechnung am Jahresende kommt es darauf an, wie viel der Nutzer fährt, weil die höheren Dieselsteuern in Relation zu den höheren Benzinpreisen gesetzt werden müssen. Grob gerechnet lohnt sich ein Dieselfahrzeug ab 20.000 Kilometern Laufleistung pro Jahr.

Leergewicht und Länge

PorscheCayenne_Web__31_von_39_.jpgObwohl das Eigengewicht nach der oben genannten Anforderung für die Berechnung der Anhängelast keine Rolle spielt und daher auch Kombimodelle knapp mehr als 1.500 Kg bereits zwei Tonnen ziehen dürfen, ist es einleuchtend, dass die Sicherheit mit zunehmendem Eigengewicht des Zugfahrzeuges steigt. „Wir dürfen nie vergessen, dass wir es mit lebendem Transportgut zu tun haben, das noch dazu seinen Schwerpunkt relativ hoch hat. Wenn zwei Pferde ins Streiten kommen und im Anhänger toben, kann dies ein Gespann mit leichtem Zugfahrzeug im wahrsten Sinne des Wortes aus der Spur bringen. Man sollte daher immer ein relativ schweres Zugfahrzeug wählen”, rät Paulus. 
Wichtig ist auch der Radstand: Je weiter die Räder auseinander liegen, desto sicherer das gesamte Gespann. In den meisten Fällen erfüllen Kombi-Modelle dieses Kriterium eher als die Limousinen. Auch die heute modernen SUVs – in vielen Fällen auch deutlich unter 30.000 Euro zu haben – sind ideale Zugfahrzeuge. 
Platz für Personen, Sättel & Co.

Mit Pferden zu verreisen ist vor allem für den Westernreiter mit seinen großen Sätteln und sperrigen Pads in den meisten Fällen mit viel Gepäck verbunden. Besitzt der Anhänger keine Sattelkammer, so ist der Kofferraum einer Limousine bereits mit zwei Westernsätteln randvoll, der Rest des Gepäcks muss auf den Rücksitzen untergebracht werden, wodurch die Limousine zum Zweisitzer wird.

Skoda_Ocativa_16.jpgAuch diese Anforderung spricht für die praktische Variante des Kombi-Modells, das heute keineswegs mehr bieder, sondern oft recht sportlich daher kommt. Diese Fahrzeuge bieten durch ihre hohe Ladefläche bis unters Dach deutlich mehr Stauraum und meistens auch die Möglichkeit, die Rückbänke teilweise umzulegen. So können je nach Beladung hinten auch noch ein oder zwei Personen (eng) sitzen. Nachteil des Kombis ist allerdings, dass sich durchgeschwitzte Satteldecken hier deutlicher bemerkbar machen als im geschlossenen Kofferraum einer Limousine.

Abnehmbare oder feste Anhängerkupplung?

SK_Superb_AHK_spannen_.jpgDie Eckdaten für ein praktisches Fahrzeug liegen nun fest: Ein Kombi oder SUV mit mindestens zwei Tonnen Anhängelast, wenigstens 75 kg Stützlast, langem Radstand und möglichst hohem Leergewicht.

Jeep_Wrangler_Web__34_von_58_.jpgIst die Wahl für das Fahrzeug getroffen, kann der Käufer eines Neuwagens meistens zwischen fester und abnehmbarer Anhängerkupplung entscheiden oder diese bei einem Gebrauchten nachrüsten. Eleganter ist in jedem Fall die abnehmbare Variante, allerdings gibt es hier auch weniger praktische Modelle, die kompliziert und nur mit Kraft einzusetzen sind. Nach Gebrauch hat man zudem den zumeist schmutzigen Haken in der Hand und muss ihn irgendwo verstauen, wo er für den nächsten Einsatz griffbereit ist. Und das möglichst ohne den gesamten Kofferraum erst einmal auszupacken. In Tests mit Zugfahrzeugen mit fester Anhängerkupplung hat sich diese – wenn auch nicht so hübsch – jedenfalls als deutlich praktischer erwiesen.

Eine nette Alternative hat die Firma Alko entwickelt, die schmutzige Finger erspart und das Stauproblem löst: Die elektrisch bedienbare Kupplung schwenkt auf Knopfdruck inklusive Steckdose vollautomatisch ein und aus. Die Bedienung funktioniert durch einen Schalter im Kofferraum oder optional per Fernbedienung von Fahrersitz aus leise schnurrend. Das System soll laut Hersteller extrem stabil, wartungsfrei und lebenszeitgeschmiert sein, im Fahrzeug außergewöhnlich wenig Bauraum und nur einen kleinen Ausschnitt im Stoßfänger benötigen. Eingefahren ist die elektrische Anhängerkupplung nicht sichtbar.

Empfehlenswert für die Sicherheit: Fahrerassistenzsysteme

Wir hoffen alle, dass sie nie zum Einsatz kommen müssen, aber wenn doch, retten sie vielleicht unser Leben - das der Menschen und auch der Pferde: Die mittlerweile in fast allen modernen Autos vorhandenen Fahrerassistenzsysteme wie ABS und ESP. Wer ein gebrauchtes Fahrzeug kauft, sollte daher darauf achten, dass diese tatsächlich „an Bord“ sind. Einige Hersteller bieten heute zusammen mit der Anhängerkupplung auch ein Anhängerstabilisierungssystem an, welches bereits erste Schlingerbewegungen des Anhängers erkennt und entsprechend entgegenwirkt. (s. Kasten „Technik“).

Ungefähr seit 2015 sind in komfortablen Aussatttungsvarianten in Verbindung mit dem Tempomat auch die Abstandskontrollsysteme verfügbar. Diese sind - natürlich - Luxus, dienen aber vor allem auch der Sicherheit: Sie halten automatisch den Abstand zum Vorderfahrzeug und bremsen notfalls ab, um einen Auffahrunfall zu vermeiden. Speziell bei Kolonnenfahrten, sei es auf einer Landstraße oder Autobahn, ist es sehr angenehm und vor allem entspannend, nur noch lenken zu müssen.

Ein weiterer Sicherheitshüter ist der "Spurverlasswarner", der den Wagen sprichwörtlich auf der Spur hält. In einigen Fällen vibriert nur das Lenkrad bei der Annäherung an die Fahrbahnbegrenzung, einige Systeme lenken sogar sanft zurück, es sei denn, der Blinker wird gesetzt.

Nicht nur „nice to have“ 

Alle weiteren Ausstattungsmerkmale sind mehr oder weniger „nice to have“, die jeder – ein bisschen abhängig vom Budget – für sich überlegen sollte. 
Dazu gehört zum Beispiel das praktische Automatikgetriebe, das den Anhängerbetrieb vor allem im Stau für Fahrer und Pferde sehr angenehm werden lässt.
Pferdesport wird überwiegend von Frauen betrieben und die haben vor allem nachts ein schlechteres Sehvermögen als Männer – je ältern frau wird, desto schlimmer wird dies. Daher ist ein sehr gutes Fernlicht, am besten das bläulich leuchtende Xenonlicht, zu empfehlen. Damit sieht man weit voraus, was ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsaspekt ist.

Wir alle wissen: Der Umgang mit dem Pferd – viele Reiter haben außerdem noch einen Hund – ist oft genug eine recht schmutzige Angelegenheit. Das gilt besonders für die Fellwechselzeit, in der sich das gerade ausgebürstete Winterfell in jeder Ritze des Autos wieder findet. Jetzt ist man froh über pflegefreundliche Ledersitze und Kofferräume mit Kunststoffböden oder Zusatzwannen, die leicht abzusaugen oder sogar auszuwischen sind.

Jeep_Cherokee_Web__33_von_52_.jpgKein reiner Luxus ist auch die Rückfahrkamera, mit der man punktgenau an die Kupplung des Anhängers heranfahren kann. Gerade Reiter, die auch alleine (vorzugsweise morgens um fünf, wenn noch keiner auf dem Hof ist) zum Turnier fahren, wissen um die Praktikabilität dieser höchst sinnvollen Einrichtung: Sie erspart das lästige mehrmalige Aussteigen zum Kontrollieren und schont zudem die Heckstoßstange. Rückfahrkameras gibt es fest eingebaut oder als Nachrüstsatz. 

Ab in den Matsch...

Hyundai_Santafe_matsch.jpgTurniere in Deutschland sind oft genug eine regennasse Angelegenheit – und die als Parkplätze ausgewiesenen Wiesen tief und matschig. Um dort samt Anhänger zügig an- und vor allem wieder abfahren zu können, ist ein zuschaltbarer oder permanenter Allradantrieb Gold wert, der heute auch in vielen Limousinen und Kombimodellen als Zusatzausstattung und natürlich SUVs und Geländewagen serienmäßig erhältlich ist. 

Empfehlenswert: Probefahrt mit Anhänger

Ist man sich endlich über das Wunschmodell klar geworden, empfiehlt ADAC-Technikspezialist Hubertus Paulus eine Probefahrt mit Anhänger. Vor allem bei Gebrauchten ist dies in der Regel kein Problem, wenn sie bereits eine Anhängerkupplung haben. Und wenn es ein Neufahrzeug sein soll, kann man den Händler vielleicht bitten, ein ähnliches gebrauchtes für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen, weil die meisten Vorführwagen nicht mit Anhängerkupplung ausgestattet sind. Gerade bei schwächeren Modellen wird sich dann zeigen, ob sie für den Zugbetrieb nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis geeignet sind.

Für noch mehr Sicherheit: Gespannstabilisierung

Seit vielen Jahren sind ABS (Antiblockiersystem) oder auch EBS (Elektronisches Bremssystem) bekannt und zählen zu den leistungsstärksten aktiven Systemen in Sachen Verkehrssicherheit. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kürzest mögliche Bremswege sowie stabilisierende Brems- und Lenkeingriffe – und damit mehr Sicherheit im Straßenverkehr.

Elektronische Bremssysteme greifen ein, wenn das Fahrzeug zu schleudern droht. Der Wagen bleibt stabil, weil zum Beispiel unter der Einwirkung von ESP (Elektronisches Stabilitätsprogramm) oder ESC (Electronic Stability Control) einzelne Räder innerhalb von Sekundenbruchteilen kurz abgebremst werden und das Motormoment angepasst wird.
Dabei wird durch diverse Sensoren fortlaufend überprüft, ob die tatsächliche Fahrtrichtung mit dem Wunsch des Fahrers übereinstimmt. ESC greift sofort korrigierend ein, falls sich sicherheitskritische Abweichungen herausstellen sollten. 

Mittlerweile gibt es eine Erweiterung dieser Technik auch für die Gespannstabilisierung: Bei dem Trailer Stability Programm handelt es sich um ein Software-Modul im ESC, das herstellerseitig aktiviert wird, wenn das Fahrzeug eine Anhängerkupplung erhält. Die ESC-Sensoren registrieren Schlingerbewegungen im Zugfahrzeug, die durch das Aufschaukeln des Anhängers entstehen, und lösen automatisch die Reduktion des Motors oder einer ganzen Achse aus, so dass das Gespann insgesamt wieder geradeaus fährt.
Herr Paulus vom ADAC empfiehlt, am Anhänger eine Antischlingerkupplung anzubringen, wenn das Fahrzeug keine Gespannstabilisierung über das ESP bietet.




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